Kroatien, das Land hinter der Adria-Kulisse

Kroatien durch die (negativ) emotionale Brille – ein offener Brief. Im März dieses Jahres erschien das Buch “Kroatien, das Land hinter der Adria-Kulisse” von Norbert Mappes-Niediek, Ch. Links Verlag, Berlin.

 

Sehr geehrter Herr Mappes-Niediek,

erlauben Sie mir bitte, mich an Sie wegen Ihres Buches „Kroatien, Das Land hinter der Adria-Kulisse“, das ich mit großem Interesse gelesen habe, zu wenden. Ein grossteil Ihres Buches zeigt ein interessantes Bild der politischen, gesellschaftlichen und sozialen Situation in Kroatien. Nun traue ich mich Ihnen meine Überlegungen, dass ich nicht mit allen Ansätzen einverstanden bin, zu schildern.

Als ich das Datum der Veröffentlichung dieses Buches nachgeschlagen habe und es stand März 2009, dachte ich mir, vielleicht ist die Zeit gekommen, dass jemand nicht mehr über die Vorurteile gegenüber Kroatien schreibt. Leider habe ich mich getäuscht. Schon im Inhaltsverzeichnis des Buches konnte ich die einseitige westeuropäische Sicht gegenüber Kroatien herauslesen.

Ihrer Auffassung nach versteckt sich hinter der schönen blauen Adria-Kulisse nur provinzieller Nationalismus und Neigung zur Kleinstaaterei, was sehr ironisch und sarkastisch klingt.

Laut Ihnen leiden die Kroaten einerseits unter der starken Balkanallergie (S.57), aber wenn es sich anderseits um das Finanzielle handelt sind die Kroaten gleich wie alle anderen Balkan Völker: „Die balkanische –und kroatische- Großzügigkeit erstreck sich durchaus auch auf das Finanzielle. Dass es im Grunde bei allen Streitfragen immer um Geld geht, ist ein sehr westlicher Gedanke, der bei Kroaten, Serben, Albanern und Muslimen auf einträchtiges Verständnis stößt.“ (S.56)

Die Wortwahl, wie z.B. Beelzebub Balkan, Proletarisches Selbstbewusstsein oder Die Vertreibung als Traum die Sie im Buch benützen um der Frage nach der kroatischen Mentalität nachzugehen, ist sehr stark mit Emotion geladen und äußerst kritisch.

Klischeehaft und wie oft taucht auch in diesem Buch die berühmt-berüchtigte Frage über die kroatische Identität auf, die eng mit der Frage der kroatischen Sprache verbunden ist. Ist Kroatisch überhaupt eine eigene Sprache? 

„Die Sprache ist für Kroaten und Serben ein Politikum ersten Grades (…). Oder wird da nur krampf – und wahnhaft versucht, eine Kulturvariante des Serbokroatischen zur Nationalsprache aufzuwerten?“ (S.71)

In dieser Hinsicht würde ich Sie gerne auf die folgende Tatsache hinweisen, dass das erste schriftliche Zeugnis der kroatischen Sprache ( Baščanska ploča) bereits aus dem Jahr 1100 stamm. Die frühe Standardisierung der kroatischen Sprache als Literatursprache kann man den Bemühungen von Bartol Kašić in seinem 1640 veröffentlichten Werk „Das römische Ritual“, verdanken.

Die Aggression auf Kroatien wird lediglich auch nur einseitig geschildert.

„Gotovina hatte mit seinem Feldzug zwischen 150 000 und 200 000 Menschen in die Flucht getrieben. Er war dafür verantwortlich, dass eine eigene Militärpolizei (…) über hundert wehrlose serbische Zivilisten, unter ihnen viele bettlägerige alte Leute, aufspürte und ermordete.“ (S.117)

Bedauerlicherweise geht aus dem weiteren Text nicht heraus, dass Kroatien  während der Aggression 16 000 Menschen verloren und einen direkten Schaden von 43 Milliarden US Dollar gehabt hat. Dabei wurden viele Industriebetriebe, kulturellen Denkmäler und sakrale Objekte zerstört.

Schon das Bild auf der Klappenseite des Buches hat mir viel über Ihre Vorstellung zu Kroaten verraten. Eine kleine kroatische Flagge als Symbol für den kroatischen Nationalismus, ein Rosenkranz als Symbol für den Katholizismus und ein (Duft-)Wunderbaum fürs Auto, als Symbol für das Proletariat. Diese drei Symbole hängen alle übereinander auf dem Rückspiegel des Autos. Auf der letzten Seite natürlicherweise Hauptplatz „Trg Bana Jelačića“ von Zagreb. Nun frage ich mich, was so typisch kroatisch am Bild außer der Flagge ist. Wenn man die kroatische Flagge durch eine andere Flagge ersetzen würde, könnte man in jedem Land Bevölkerungsgruppen finden, die religiöse Symbole und Wunderbäume am Spiegel aufhängen.

Sehr geehrter Herr Mappes – Niediek, ich bedauere feststellen zu müssen, dass sie in Ihrer Auslegung äußerst subjektiv und emotionalen vorgehen. Ich frage mich, ob Sie auf diese Art und Weise über Kroatien schreiben würden, wäre Kroatien schon in der EU?

Mag. Sandra Žuljić,
Vizepräsidentin, Österreichisch – kroatische Gesellschaft, Zweigverein Salzburg